« Der Glaube bezeichnet nicht das einfache Übernehmen und Akzeptieren von Behauptungen, für die es keinerlei Beweise gibt. In einer authentischen und ehrlichen Religion hat er das niemals bedeutet, und er würde niemals in dieser Weise ihren wahren Sinn mißbrauchen.

Dagegen bedeutet der Glaube, dass man ergriffen ist von einer Kraft, die viel größer ist als wir, eine Kraft, die uns erschüttert, uns umkehrt, uns verändert und uns heilt. Die Übergabe an diese Macht, das ist der Glaube. Die, die Jesus heilen wollte und heilen konnte, sind die, die diese Übergabe ihrer selbst an diese Macht vollzogen und realisiert haben, dass diese Kraft in ihnen ist. Sie haben sich ihm als Person übereignet, angeekelt und verzweifelt an sich selbst, haßerfüllt gegen sich selbst und auf dem Weg der daraus folgenden feindlichen Konsequenzen im Blick auf alle anderen, voller Angst vor dem Leben, beladen mit Schuldgefühlen, gleichzeitig sich anklagend und sich entschuldigend, sich selbst fliehend auf dem Weg zu den anderen, letztendlich im Versuch, vollkommen den Übeln der eigenen Existenz zu entfliehen durch die Flucht in eine schmerzerfüllte und enttäuschende Sicherheit seelischer und körperlicher Krankheit.

Diese nun sind es, die sich Jesus übergeben haben und diese Übergabe, das ist es, was wir Glaube nennen. Aber er überlässt sie nicht sich selbst und damit dem, der nicht wirklich helfen kann. Er bringt sie zu ihrem eigentlichen wahren Wesen, heilig und sicher, als eine neue Schöpfung. »

Paul Tillich