«In der Natur gibt es eine Kraft, mit deren Hilfe ein einziger Mensch, der sich ihrer bemächtigen und der sie lenken könnte, das Gesicht der Welt umstürzen und ändern würde.
Die Alten kannten sie: sie besteht in einer universellen Wirkkraft; ihr oberstes Gesetz ist das Gleichgewicht und ihre Richtung ist unmittelbar im großen Geheimnis (Arkanum) der transzendenten Magie begründet.

Durch die Ausrichtung dieser Wirkkraft kann man selbst die Ordnung der Jahreszeiten ändern, nachts die Phänomene des Tags hervorrufen, augenblicklich mit einander entgegengesetzten Punkten der Erde in Verbindung stehen und, wie Appolonius, sehen, was sich am anderen Ende der Welt zuträgt; man kann aus der Entfernung heilen oder zuschlagen und man kann dem Wort universellen Erfolg und universelle Auswirkung geben.

Diese Wirkkraft, die sich beim tastenden Suchen der Schüler Mesmers kaum offenbart, ist genau jene, die im Mittelalter von den Anhängern der Lehre die Materia prima des großen Werkes genannt wurde. Die Gnostiker machten daraus den feurigen Leib des Heiligen Geistes; dieselbe Wirkkraft war es auch, die man in den geheimen Sabbat- oder Tempelriten unter dem Hieroglyphenzeichen des Baphomet1 oder dem androgynen Bock des Mendès anbetete.

Solcherart sind die Geheimnisse der okkulten Philosophie, und so zeigt sich uns die Magie in der Geschichte.»

Eliphas Lévy
Dogme et rituel de la Haute Magie (Lehre und Ritus der Hohen Magie)
Einleitung

Dieser Text zeigt gut, worauf die Magie abzielt: die Beherrschung der okkulten Kräfte des Universums, um im Magier eine okkulte Macht zu entwickeln, die es erlaubt, die Phänomene der Natur zu beherrschen, zum Guten wie zum Bösen aus der Entfernung auf andere Einfluß zu nehmen, in allen Unternehmungen Erfolg zu haben.

Für den gläubigen Menschen ist keine dieser Aktivitäten von besonderem Interesse; er spürt unmittelbar die Gefahr, die darin liegt, sich an den Erwerb von Macht über die Elemente der Welt durch wenig empfehlenswerte Mittel und Helfer zu binden. Andere Textanalysen werden vertieft darauf eingehen, um welche Mittel und Helfer es sich handelt.

Die «universelle Wirkkraft» – im Singular – steht für das gesamte Spektrum der okkulten Energien, die der Magier zu beherrschen sucht. Es handelt sich natürlich um erschaffene Energien, die «okkult» genannt werden, weil sie dem Zugriff, der Messung und der Quantifikation der Physik, Chemie oder Biologie entgehen. Wir nennen sie gemäß einer Analogie «Energien», da ihr Bereich unerforscht bleibt. Aber wir weisen mit Nachdruck auf die Verwirrung hin, die die monistischen Denksysteme zwischen dieser erschaffenen Wirkkraft – dem Werkzeug der okkulten Vorgehensweisen -, und dem immanenten göttlichen Prinzip hervorrufen.

Der Gläubige ist hier wieder mit etwas konfrontiert, das er nur als Götzendienst anprangern kann: die Anbetung, die allein Gott, dem transzendenten Schöpfer und erbarmungsvollen Vater zukommt, wird geschaffenen Energien geschenkt.
Da diese Energien nicht aus sich selbst heraus handeln, sondern Werkzeuge sind, deren sich die sie beherrschenden Geister bedienen, richtet sich der Kult, mit der sie verehrt werden, in Wirklichkeit an die Geister, die dem Magier ihre Macht zur Verfügung stellen; er übt seine Macht durch ihre Vermittlung aus.

Notes :
  1. Baphomet und Mendès sind die franz. Begriffe. Anm. d. Übers. [retour]