«Wir glauben, daß in der Religion alle einsichtsfähigen Menschen dieselben Wahrheiten akzeptieren und sich nur über die Irrtümer streiten.

Wir glauben, daß alle Götter Phantome und daß die Götzen nichts sind; daß alle etablierten Kulte anderen Platz machen müssen, und daß der Weise in einer Moschee genauso beten kann wie in einer Kirche.

Wir glauben an Gott den Einzigen und an die Religion, die einzig ist wie Er, an Gott, der alle Götter segnet, und an die einzige Religion, die alle Religionen in sich aufnimmt oder aufhebt. Wir glauben an das Universelle Wesen; es ist absolut und unendlich; die Unmöglichkeit des Nichts beweist sein Sein; und wir bestreiten, daß das Nichts etwas sein und werden kann.

Wir anerkennen im Sein zwei essentielle Seinsweisen: die Idee und die Form, die Intelligenz und das Handeln.

Wir glauben an die andauernde und fortschreitende Offenbarung Gottes in den Entwicklungsschritten unserer Intelligenz und unserer Liebe.

Wir beten den lebendigen Gott an, der in Jesus Christus handelt, und aus dem wir keinen von Gott selbst getrennten und unterscheidbaren Gott machen, denn Jesus war wie wir wahrer Mensch und vollkommen Mensch; er wurde aber durch die Fülle des göttlichen Geistes geheiligt; der göttliche Geist sprach aus ihm und lebte und handelte in ihm.

Wir anerkennen das apostolische, das athanasische und das nicänische Glaubensbekenntnis, indem wir feststellen, daß sie hierarchisch erklärt werden müssen und die höchsten Mysterien der okkulten Philosophie zum Ausdruck bringen.»

Eliphas Lévy
Glaubensbekenntnis
Zeitschrift L’Initiation, Nr.2, Juli-Dezember 1957

Wir finden hier die Hauptelemente der esoterischen Auffassung vom Höchsten Wesen (vom Höchsten Sein) wieder, der einzigen universellen Religion, die dazu berufen ist, alle religiösen Traditionen zu integrieren; wir finden die Suche nach den verborgenen christlichen Wahrheiten und die Reduktion Jesu Christi auf einen beispielhaften Eingeweihten.

Diese Übereinstimmung zwischen Okkultismus und Esoterik war ohne weiteres vorhersehbar, denn es läßt sich ganz allgemein feststellen, daß der Okkultismus die praktische Umsetzung der esoterischen Prinzipien darstellt: eine angewandte Esoterik sozusagen.

«In der Religion (akzeptieren) alle einsichtsfähigen Menschen dieselben Wahrheiten»: allein die menschliche Intelligenz ist hier befähigt, die religiöse Wahrheit zu beurteilen. Deshalb kann bei den einsichtsfähigen Menschen nur diesbezügliche Einstimmigkeit herrschen.

Keine einzige Offenbarung genießt ein besonderes Privileg: die Intelligenz kann kein Prinzip oder keine Wahrheit annehmen, die sie nicht aus ihrer eigenen Tiefe hervorgeholt hat; sie stützt sich dabei auf ihre eigene Erfahrung: Gott offenbart sich einzig «in den Entwicklungsschritten unserer Intelligenz und unserer Liebe».

Dieses Grundaxiom ist für den Christen nicht akzeptierbar. Er glaubt, daß Gott sich offenbart, indem er sich dem schenkt, der ihn im Glauben aufnimmt. Der Glaube ist ein übernatürliches Licht, das der Intelligenz ein neues formales Objekt gibt: Gott – und zwar genau insofern, als Er sich offenbart. Dieses Licht der Gnade ist nichts anderes als der Heilige Geist selbst, der sich unserem Geist verbindet, um uns in eine Erkenntnis einzuführen, die uns verwandelt und heiligt.

«Der Glaube aber ist», schreibt der Autor des Hebräerbriefs, «eine Weise, schon zu besitzen, was man erhofft; er ist ein Mittel, Wirklichkeiten zu erkennen, die man nicht sieht. (…) Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott zu gefallen» (Hebr. 11, 1 u. 6 und das ganze Kapitel).

Da die Philosophie des Okkultismus die Unterscheidung zwischen Natur und Gnade nicht gelten läßt, kann sie auch nicht anerkennen, was den Glauben ausmacht: daß er eingegossene
Tugend, d.h. übernatürliche Gnade ist. Der Glaube kann von daher nur in eingeengter Weise begriffen werden: er kommt in der Sicht des Okkultismus einem unakzeptierbaren Verzicht auf Vernunft gleich, und dies in Bereichen, wo die Ratio ganz und gar zuständig ist. «Die Religion muß (folglich) zur Vernunft kommen», denn «es ist die Vernunft, die heilig ist».

Gott wird hier rein rational aufgefaßt: Er ist das fortdauernde Sein, so, wie die Ratio glaubt, es feststellen zu können, wenn sie ausgeht von der Existenz der Welt und von der Unmöglichkeit für das Nichts, irgend etwas hervorzubringen.
Aber es handelt sich hier keineswegs um den ersten, von Thomas von Aquin stammenden „rationellen Beweis“ der Existenz Gottes; die Beweisführung des Heiligen Thomas erhebt sich von der ontologischen Sterilität des Nichts zur Notwendigkeit einer Ersten Ursache für das Sein der Geschöpfe. Die okkulte Philosophie bleibt bei der Feststellung stehen, daß es, wenn man von der Existenz der Welt ausgeht, notwendigerweise ein fortdauerndes Sein geben muß. Nichts führt hier dazu, eine ontologische Unterscheidung zwischen dem Sein der Welt und dem Ersten Sein einzuführen; das Erste Sein wird nicht als Erste Ursache des Seins vorgestellt. Die okkulte Philosophie beharrt darauf, daß das universelle Leben allem, was existiert, immanent ist, was eher für eine pan(en)theistische Auffassung als für eine kreationistische spricht. Dies findet im Ganzen der okkulten Lehre seine Bestätigung: «Wir glauben an das Prinzip des universellen Lebens, an das vom Sein und von den seienden Wesen immer unterschiedene Prinzip des Seins und der seienden Wesen, das aber notwendig immer im Sein und in den seienden Wesen gegenwärtig ist».

Die okkulte Philosophie leugnet keineswegs die Göttlichkeit Christi, ja, sie preist sie sogar voller Begeisterung, aber als Modell für die Göttlichkeit, die in jedem Menschen liegt, der sich auf dem Weg der Selbstverwirklichung befindet.
Der Gott, der in ihm lebt und handelt, unterscheidet sich in nichts von Gott selbst, was bedeutet, daß Christus in keiner Weise der eingeborene Sohn des VATERS ist.
Jesus wird Christus genannt, weil er das jedem Menschen immanente göttliche Prinzip vollkommen realisiert hat, weshalb E. Lévy das Vorwort zu seinem Werk Dogme et rituel de la Haute Magie (wörtlich übersetzt: Dogma und Ritual der hohen Magie) fortsetzt mit dem Satz: «Jesus Christus ist das Modell der geheilten Menschheit».